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Das Welthaus in Nürtingen - Mehr als ein Weltladen
Werner, stell doch dich und euren Laden bitte kurz vor.
Werner Krempel, hauptberuflich Gartengestalter und Geschäftsführer in einem Gartenbaubetrieb. Ehrenamtlich Vorstandsvorsitzender der Eine-Welt-Gruppe NT. e.V. und Vorstand in der Bürger:innengenossenschaft Nürtingen eG. Im Weltladen am Samstag im Verkauf tätig. „Urgestein“ in der kommunalen Eine-Welt- und Friedensarbeit.
Vor 30 Jahren haben sich die verschiedenen kirchlichen Aktionsgruppen im Bereich Nürtingen zusammengefunden und 1996 die Eine-Welt-Gruppe Nürtingen e.V. gegründet. Der Verein hat inzwischen etwas über 130 Mitglieder. Unser Ziel war es, ein Fachgeschäft des Fairen Handels zu eröffnen und den Fairen Handel durch Bildungsangebote und Aktionen in der Region Nürtingen bekannter zu machen.
1998 konnten wir unseren Weltladen in der Kirchstraße 15 in Nürtingen eröffnen. An diesem Standort waren wir knapp 27 Jahre lang als Weltladen erfolgreich. Der Laden wird durch zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen geführt. Das Ladenteam besteht aus ca. 50 Personen.
Euer Weltladen ist in diesem Jahr umgezogen und nun Teil eines ganz besonderen Konzeptes, des Nürtinger Welthauses. Was ist das genau?
Nürtingen ist seit 2021 Fair Trade Stadt. Wir wollen die Stadt prägen und unsere Themen Gerechtigkeit, Frieden, Fairer Handel und Nachhaltigkeit in die Mitte der Gesellschaft platzieren. Dafür bedarf es der Sichtbarkeit. Mit dem Welthaus sind wir in der besten und zentralsten Lage von Nürtingen nicht zu übersehen.
Das Welthaus ist ein Raum für fairen Konsum, für bezahlbare Mieten und für mehr gesellschaftliches Miteinander. Auf vier Etagen wollen wir diese Themen umsetzen. Neben dem Weltladen mit kleinem Cafébetrieb ist unsere Weltküche das Herzstück des Welthauses. Ein toller Ort für Begegnung, der Bildung und des friedlichen Miteinanders.
Wie ist die Idee des Welthauses denn entstanden? Und welche Rolle hat der Weltladen bei der Umsetzung gespielt?
Bereits 2019 wurde aus der Eine-Welt-Gruppe heraus die Idee entwickelt, ein Welthaus in Nürtingen aufzubauen. Anstoß war, dass unser damaliger Weltladen sich räumlich verbessern wollte. Nach unserer letzten Ladenerweiterung 2014 – -der wachsende Textilbereich kam damals dazu – gab es am alten Standort keine Erweiterungsoption mehr. Ein wichtiges Hauptanliegen war die Zukunftsfähigkeit unseres Fair-Handels-Projektes.
Neue Themenfelder und neue Herausforderungen benötigen neue Konzepte. Nach 25 Weltladen Jahren am gleichen Standort wollten wir zu neuen Ufern aufbrechen. Nicht zu verschweigen ist aber die Tatsache, dass es auch Weltladen-Mitarbeiter*innen gab, die Angst vor den anstehenden Veränderungen hatten.
Ihr habt für das Welthaus die Rechtsform der Genossenschaft gewählt. Was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?
Ab 2019 gab es immer wieder Welthaus-Workshops, bei denen um die passende Rechtsform für unser Anliegen gerungen wurden. Professionell begleitet wurde dieser Prozess durch den Regionalpromotor Johannes Lauterbach aus Tübingen. Für unseren Verein waren die Welthausprojektion und der Kauf einer Immobilie eine Nummer zu groß. Das Projekt musste für die Finanzierung breiter aufgestellt werden. Über die Genossenschaftsgründung konnten wir inzwischen knapp 400 Personen gewinnen, die gemeinsam Genossenschaftsanteile für gut 740.000 Euro eingelegt haben. Somit konnten wir den Kauf eines Geschäftshauses in einer 1A-Lage für über 1 Million Euro finanzieren und uns an den schrittweisen Umbau der Immobilie wagen.
Du hast kürzlich gesagt, dass der Weltladen den „besten Handelsplatz von Nürtingen“ bespielt. Was genau meinst du damit?
Unser Weltladen ist genau 110 Meter weitergezogen. 110 Meter können in einer Kleinstadt eine andere Welt sein. Anstelle einer romantischen 1B-Lage befinden wir uns heute an der am besten frequentierten Stelle in der Fußgängerzone von Nürtingen. Es genügt, die Schiebetüren offen zu halten und die Menschen kommen in den Laden.
Den Umzug haben wir übrigens statt per LKW mit einer medial gut vermarkteten Menschenkette quer durch die Kirchstraße gemacht.
Wie wirken sich der neue Standort und das neue Konzept auf das Weltladen-Team, eure Abläufe und eure personelle Situation aus.
Wir alle sind täglich am Lernen: Unser neuer Weltladen wird gut angenommen. Aktuell steigen unsere Umsätze und die Kundenfrequenz. Anspruchsvoll ist der Umgang mit den neuen Zielgruppen. Die Grundlagen des Fairen Handels müssen und dürfen täglich erklärt werden. Professionelles Arbeiten und Auftreten ist angesagt. Wir suchen daher aktuell auch weitere Mitarbeiter*innen.
Durch den neuen Laden und vor allem durch unsere Weltküche werden wir deutlich offener und bunter: Die vielfältigen Menschen von Nürtingen treffen sich im Welthaus.
Für die neuen Bildungsangebote in der Weltküche haben wir neben unserer angestellten Bildungsreferentin zusätzlich die Stelle eines Bildungskoordinators besetzt. Professionelle Unterstützung ist sehr hilfreich.
Es gibt derzeit etwa 100 Menschen, die sich aktiv für unser Welthausprojekt in Nürtingen einsetzen. Die Begeisterung dieser Aktiven zu bewahren und die Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit täglich zu vermitteln ist eine wichtige Aufgabe.
Und was genau ist die Weltküche?
Die Weltküche ist unsere Bildungsetage im Welthaus. Unser Herzstück! Ein etwa 70 qm großer, multifunktionaler Raum für 30 Personen, ausgestattet mit einer professionellen Küche in der Mitte des Raumes. Ein toller Ort für Begegnungen.
Jeden Mittwochabend gibt es z. B. den Restezauber: Die unterschiedlichsten Menschen treffen sich zwanglos zum Kochen und zum gemeinsamen Essen. An anderen Tagen wird getagt, gestrickt, gespielt oder musiziert.
Unser gefördertes Bildungsprogramm umfasst Veranstaltungen – in Kooperation mit dem Weltladen – zum jeweiligen Lebensmittel des Monats. Darüber hinaus findet jeden Monat eine Länderküche statt: Menschen aus dem globalen Süden kochen mit uns und berichten über die aktuelle politische und soziale Situation in ihren Heimatländern.
Ansonsten gibt es regelmäßige Raumnutzungen durch die VHS, das Haus der Familie und von privaten und gewerblichen Nutzern.
Was kannst du Weltläden mitgeben, die über eine ähnliche Veränderung nachdenken? Du hast ja vorhin auch erwähnt, dass nicht alle Mitarbeiter*innen von Beginn an von der Veränderung begeistert waren.
Mut zur Veränderung. Lust und Neugier auf neue Situationen. Ausdauer und Optimismus. Teamfähigkeit und Empathie.
Wichtig ist die frühzeitige professionelle Begleitung und Unterstützung des Veränderungsprozesses. Coaching – auch im privaten, persönlichen Bereich – sowie Beratung in der Organisationsentwicklung sind wertvoll. Betriebswirtschaftliche Kompetenzen sind unverzichtbar, ebenso zwischenmenschliche und soziale Kompetenzen.
Unser Welthaus-Projekt konnte nur durch eine sehr gute lokale Vernetzung gelingen: Kirchen, Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Unternehmen, Hochschule, Stadtverwaltung, Presse. Netzwerkarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg.
Notwendig sind eine Handvoll Menschen, die Zeit und Leidenschaft für ein Projekt aufbringen. Rückschläge und unvorhersehbare Probleme sind einzukalkulieren.
Das Projektziel sollte möglichst klar formuliert sein. Wir haben für uns als Gruppe frühzeitig gemeinsam ein Leitbild erarbeitet.
Fazit: Auch ohne eigenen Veränderungswillen finden ständig Veränderungsprozesse statt. Folglich ist frühzeitiges, aktives Gestalten sinnvoller als frustriertes Reagieren. Unsere Produzenten haben es verdient, dass wir uns mutig und zukunftsorientiert für unsere gemeinsamen Ziele einsetzen.
Vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute Dir und Eurem Weltladen.